Aug 102018
 

Nach 13 Jahren Abstinenz nahm ich in diesem Jahr am stark besetzten 10-rundigen Open in Helsingør, Dänemark, teil, das vom 21. bis 29.07. ausgetragen wurde. 400 Teilnehmer waren am Start: davon allein 28 GMs und 28 IMs; die Spitze wurde von den 2700ern Nikita Vitiugov und Dmitry Andreikin angeführt. Mit dabei war auch der amtierende Europameister Ivan Saric; für Weltklasseatmosphäre sorgten außerdem klangvolle Namen wie Baadur Jobava, Alexei Shirov, Johann Hjartarson und Jan Timman. Aus Norwegen waren die Sekundanten und Teamkollegen von Magnus Carlsen, Jon Ludvig Hammer, Simen Agdestein, der hochgehandelte Frode Urkedal und der amtierende Jugendweltmeister Aryan Tari dabei. Dänemark wurde in der Spitze von Sune Berg Hansen repräsentiert. Zur großen deutschen Delegation gehörten Rasmus Svane und das Supertalent Vincent Keymer, die beide den Turnierverlauf maßgeblich beeinflussen sollten. (Weitere allgemeine Infos hier im Artikel von G. Densing.)
Der Austragungsort, das große Tagungshotel Konventum, am Stadtrand in unmittelbarer Nähe zur Ostsee gelegen, war fantastisch; vor allem der Ausblick über den Park hinweg auf den Öresund, den man praktisch von überall aus genießen konnte, sogar während der Partie. Im Unterschied zu den meisten Turnieren gab es etwa 8 Spielräume, der größte fasste gut 30 Bretter. Viele der Räume gingen von einem einzigen, an M.C. Escher erinnernden Treppenhaus ab, in dem man sich erstmal zurechtfinden musste. Aber alles war hervorragend organisiert, und im Zweifelsfall konnte man sich immer an das freundliche Organisationsteam wenden. Handys konnten gegen Quittung problemlos abgegeben werden (das kannte ich so noch nicht). Eisgekühltes Trinkwasser stand in rauen Mengen jederzeit bereit, Tee und Kaffee waren ebenfalls kostenlos. Hauptsponsor des Turniers ist Xtracon, eine Internetfirma aus Kopenhagen, die außerdem für eine herausragende technische Unterstützung sorgte: Über 50 Bretter wurden jeweils live ins Netz übertragen, GM Lars Schandorff kommentierte ausgewählte Partien vor Publikum (allerdings nur auf Dänisch) und im Livestream. Zum reichhaltigen Rahmenprogramm gehörten außerdem eine Simultanveranstaltung mit GM Hjartarson, zwei Blitzturniere und Vorträge, unter anderem von Jacob Aagaard.
Ich war gemeinsam mit meinem alten Schachfreund Frank Buchenau vor Ort; wir haben vor allem in den 90ern unsere Studienzeit durch Turniere in Spanien und Ungarn vergoldet und verlängert. Frank hatte außerdem noch den bekannten Organisator und Schachliebhaber Karol Lalla dabei, die beide auf dem örtlichen Campingplatz wohnten, während ich über Airbnb privat untergekommen war.  Aus dem Norden mit dabei waren ebenfalls Bernd Laubsch, Markus Lammers und David Hoeffer. Im heimischen Hamburg verfolgten besonders Marc und mein Sohn Finn das Geschehen. Marc spornte mich regelmäßig an, auch nach dem kleinen Knick in der Turniermitte. Danke!

Mit einer ELO von 2380 war ich an 53 gesetzt. Mein persönliches Ziel war von vornherein klar: gut spielen und eine IM-Norm erreichen. Um es vorwegzunehmen: Es hätte fast geklappt.
Es wurde jeweils streng nach Setzliste gelost, nicht nach Buchholz. So konnte man sich schon zu Beginn ausrechnen, wann es ernst werden würde. Meine Rechnung ging knapp auf: Ich bekam in den ersten drei Runden etwas schwächere Gegner und konnte so gut die einzige Doppelrunde am 2. Tag überstehen. Obwohl ich schließlich mit 3 aus 3 dastand, waren die Partien in Runde 2 und 3 bereits ziemlich umkämpft. In Runde 2 spielte ich gegen den Bremer Nachwuchsspieler Collin Colbow, der zudem von Jonathan Carlstedt betreut wurde. Aber zum einzigen Mal im Turnier griff meine Vorbereitung relativ gut und ich konnte im weiteren Verlauf einen thematischen Sieg mittels eines sizilianischen Qualitätsopfers erzielen.

In Runde 4 ging es mit Schwarz dann gegen den aufstrebenden jungen IM Björn-Moeller Ohlsen, der übrigens auch für Preetz in der Oberliga spielt. In einem remisträchtigen Endspiel T+L gegen T+L und Bauern auf beiden Flügeln leistete er sich ein paar Ungenauigkeiten. Am Wendepunkt der Partie bot er Remis an, um nach meiner Absage erneut zu optimistisch fortzusetzen. Am Ende konnte ich nach 5 Stunden Arbeit schließlich studienartig gewinnen.

vorne GM Saric gegen GM Hammer, hinten GM Svane und ein Amateur

Zur Belohnung durfte ich nun an einem der Spitzenbretter spielen. Die ersten 11 Bretter befanden sich in einem kleinen Saal mit Bühne und Zuhörerrängen, von denen aus man die Partien außerdem über eine Großbildprojektion verfolgen konnte. Im Unterschied zu den anderen Räumen herrschte hier fast absolute Stille, die nur vom Säuseln der Klimaanlage begleitet wurde. An den Nebenbrettern spielten Svane, Agdestein, Hammer, Jobava, Shirov und co. Und ich gegen Frode Urkedal, einen jungen norwegischen GM, Mitglied der Nationalmannschaft. Die Vorbereitung griff nicht, so improvisierte ich gegen einen Najdorfsizilianer; das resultierende Mittelspiel war dann recht ausgeglichen, um nicht zu sagen langweilig, und die Partie endete nach 50 Zügen mit einem Unentschieden. Mit 4,5 aus 5 stand ich nach wie vor glänzend da, aber nun musste ich am Folgetag mit Schwarz gegen Rasmus Svane ran. Erneut griff die Vorbeitung nicht, und schon nach 10 Zügen hatte ich viel Zeit verbraucht. In der Diagrammstellung wurde ich von e6! überrascht.

Eine bittere Niederlage, die mir aber meine Baustellen klar vor Augen geführt hat. Aber es kam noch (etwas) dicker, das Los bescherte mir den 2. der Setzliste, GM Andrejkin. Normalerweise hätte ich mich über ein Match gegen einen so starken GM gefreut, aber ich war bereits so erschöpft, dass ich mir Ruhe verordnete und statt intensiver Vorbereitung lieber ausschlief und etwas Sport trieb. Die Partie ging dann leider etwas an mir vorbei; schon in der Eröffnung (die ich natürlich nicht genau kannte) zog ich zu hastig. Ich konnte die Energie an diesem Tag einfach nicht aufbringen, mich schon in den ersten 10 Zügen voll hineinzuknien. Er spielte recht schnell und ich passte mich seinem Tempo an. Schon bald stand ich sehr passiv; schließlich wickelte er in ein letztlich klar gewonnenes Endspiel ab, das nur auf den ersten Blick noch Chancen bot.

Durch die starke Gegnerschaft hatte ich nun noch immer eine recht gute Performance, also nach wie vor beste Chancen auf eine Norm. Nun musste ich also „nur noch“ gegen schwächere Gegner anständig punkten (um den fallenden Schnitt auszugleichen).

Zum Unvermögen kam nun leider auch noch Pech dazu, denn in Runde 8 und 10 bekam ich mit Schwarz zwei aufstrebende Jugendliche zugelost. In der Schlussrunde brauchte ich nun unbedingt einen Sieg für die Norm. Die weißen Steine führte der 16-jährige dänische Nachwuchsspieler Andre Nielsen, der mit etwa 2150 aus meiner Sicht klar unterbewertet war (allein im Juli gewann er schließlich 160 Punkten und machte einen Sprung auf über 2300). Ich steuerte erstmals eine Scheweninger Struktur an. In der Diagrammstellung hätte man wohl zum strategisch wünschenswerten …Lf6 greifen müssen, auch wenn Weiß zumindest auf den ersten Blick chancenreich opfern kann. Das Thema war mir zwar geläufig, aber ich konnte mich einfach nicht dazu durchringen und setzte etwas passiver mit ….Se5 fort.

Damit war die Chance vertan. Im Falle eines Sieges wäre sogar noch ein Ratingpreis abgefallen. Übrigens auch für meinen Gegner, der mit einem Sieg ebenfalls eine IM-Norm erzielt hätte.

Frank Buchenaus Turnierschicksal war in etwa vergleichbar: Auch er schlug in der Mitte des Turniers einen starken IM und hätte in der Vorschlussrunde mit Weiß gegen Johann Hjartarson punkten müssen, um sich noch Chancen auf eine Norm zu wahren. Er erreichte nach der Eröffnung eine gute Stellung, war dann aber etwas zu gierig.

In der Schlussrunde remisierte Frank dann noch mit Schwarz gegen Aagaard und sicherte sich damit verdient ein paar ELO-Punkte.

Bernd Laubsch hatte zur Turniermitte gegen zwei GMs remisiert und lag gut im Feld, aber auch ihm ging zum Ende hin dann etwas die Puste aus. In der Schlussrunde hatte er eine chancenreiche, aber hochkomplizierte Stellung gegen den jungen dänischen Nachwuchsstar Jonas Bjerre (den Uwe übrigens zuletzt in der Oberliga in einer starken Partie besiegt hatte):

Fazit: Entgegen meinen Befürchtungen hat sich der Wiedereinstieg in die Turnierarena gut angefühlt. Neben der Anstrengung sorgten die gute Turnieratmosphäre und der Austragungsort trotzdem für Entspannung und Ablenkung. Ein wirklich schönes Turnier in toller Umgebung, perfekt und liebevoll organisiert. Wenn es passt, bin ich im nächsten Jahr wieder dabei.

 

 Posted by at 15:03

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